Manchmal führt ein YouTube-Video an Orte, die man vorher nicht auf dem Zettel hatte. In diesem Fall: ein Video darüber, wie man mit der KI Suno Musik erzeugt und das Ergebnis über den Distributor DistroKid bei Spotify veröffentlicht. Die Neugier war größer als die Skepsis – also habe ich es einfach ausprobiert.

Ein Sujet muss her

Für einen Song braucht es offenbar ein Thema, ein „Sujet", wie es im Video hieß. Ich musste nicht lange suchen: Erst kürzlich hatte ich hier im Blog über den wachsenden Stromhunger der Rechenzentren geschrieben – „Der Stromhunger der Datenfabriken". Ein Artikel über KI-Infrastruktur als Ausgangspunkt für ein KI-generiertes Musikstück – der Kreis schließt sich auf eine Art, die ich beim Schreiben des Ursprungsartikels nicht geplant hatte.

Über dem Zaun
Über dem Zaun. KI

Für den Rechenzentren-Artikel hatte ich zwei Bilder erstellen lassen – auf einem Umweg, der zeigt, wie arbeitsteilig KI-Nutzung inzwischen sein kann. DeepSeek bekam den fertigen Artikeltext vorgelegt. Bilder erzeugen kann DeepSeek nicht, aber es kann sehr präzise beschreiben, was ein passendes Bild zeigen sollte. Daraus entstanden zwei Bildideen, unter anderem diese hier:

„Eine Luftaufnahme eines fensterlosen, grauen Industriegebäudes am Stadtrand, umgeben von einem schlichten Zaun. Über dem Dach baut sich eine gewaltige, leuchtend orange-blaue Energiewolke aus abstrahierten Stromblitzen und Datenströmen auf …"

Diese Beschreibung wanderte weiter zu ChatGPT, das daraus das eigentliche Bild generierte. Das Ergebnis – sozusagen das Titelbild dieser Geschichte – sehen Sie oben. Wer neugierig ist: Das zweite Bild aus dieser Serie findet sich im ursprünglichen Artikel über die Rechenzentren.

Vom Bild zum Song – in einer Minute

Genau diese Bildbeschreibung – „Die unsichtbare Gigawatt-Fabrik" – habe ich anschließend Suno vorgelegt. Suno wählte daraus eigenständig Genre und Tempo: Dark Rock/Goth, mittelschnell. Herausgekommen ist der Song „Über dem Zaun", inklusive eigenem Text (Lyrics). Ein kurzer Auszug daraus:

 

[Verse 1]
Grauer Beton, kein Name dran
Zaun aus Draht, und ich steh' davor
Hinter dem Zaun nur stilles Warten
Als ob die Zeit dort drinnen friert

Ich seh' mein Leben ...

 
 

Bemerkenswert fand ich vor allem die Geschwindigkeit: Der komplette Song war nach etwa einer Minute fertig. Für den Ursprungsartikel über die Rechenzentren hatte ich Tage mit Recherche verbracht – für die Vertonung desselben Themas brauchte es 60 Sekunden. Diese Diskrepanz sagt vermutlich mehr über den heutigen Stand der KI aus als jeder einzelne Fakt im Song selbst.

Als kleine Randnotiz: Suno hat „für die Akte" gleich noch ein eigenes Cover-Bild zum Song erzeugt – unabhängig von den DeepSeek- und ChatGPT-Bildern, aber zum selben Thema. Drei verschiedene KI-Systeme, drei eigenständige Interpretationen desselben Sujets.

Wer reinhören möchte: Der Song liegt als MP3-Datei vor:

Habe ich da wirklich etwas geschaffen?

Beim Anhören des fertigen Stücks stellte sich ein seltsames Gefühl ein: der Eindruck, etwas geschaffen zu haben – obwohl faktisch jeder kreative Schritt von einer KI stammt. Ich habe lediglich Text weitergereicht, von einem System zum nächsten. Das wirft eine Frage auf, die ich mir schon vor Jahren gestellt habe, damals im Zusammenhang mit Techno: Ist das noch Musik machen, oder nur noch Musik auswählen?

Fakt ist: Man kann KI-Musik heute ganz regulär über Spotify vertreiben. Und einem erheblichen Teil des Publikums scheint es schlicht egal zu sein, ob ein Mensch oder eine KI hinter einem Song steckt – solange er gefällt. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Noch hört immerhin ein Mensch zu, wenn die KI Musik macht. Konsequent zu Ende gedacht wäre die nächste Stufe, dass auch das Zuhören irgendwann von der KI übernommen wird.

Ein Experiment – mehr nicht

Ich bin kein Musiker, und dieser Artikel ist kein Versuch, mich als einen auszugeben. „Über dem Zaun" ist ein Experiment, entstanden aus Neugier und einer Kettenreaktion aus drei verschiedenen KI-Werkzeugen. Interessant wäre schon, ob der Song auch bei einem Publikum ankäme, das den Entstehungsweg nicht kennt. Ob ich das teste – also tatsächlich über DistroKid veröffentliche – weiß ich noch nicht. Vielleicht folgt das in einem späteren Beitrag.