Ein Wettlauf, der mehr ist als Klatsch
Zwei Unternehmen, eine Woche Abstand, ein gemeinsames Ziel: die Börse. Anthropic reichte am 1. Juni 2026 vertraulich einen Entwurf einer Registrierungserklärung nach Form S-1 bei der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC ein und eröffnete sich damit die Option, nach Abschluss der SEC-Prüfung an die Börse zu gehen. OpenAI zog eine Woche später nach, am 8. Juni 2026, mit einer eigenen vertraulichen S-1-Einreichung.
Diese wenigen Tage Vorsprung mögen auf den ersten Blick nach einer Randnotiz klingen. Für die Frage, wer als Erstes handelbare Aktien anbietet, sind sie aber ein belastbarer Fakt – anders als die zahlreichen Terminspekulationen, die seither durch Finanzmedien kursieren.

Was eine vertrauliche S-1 tatsächlich bedeutet – und was nicht
Hier lohnt sich etwas Sorgfalt, denn die Meldung wird in vielen Berichten missverständlich verkürzt. Eine vertrauliche S-1-Einreichung ist kein beschlossener Börsengang. Anthropic betont in seiner eigenen Mitteilung ausdrücklich, dass der geplante Börsengang von den Marktbedingungen und weiteren Faktoren abhängt – Aktienzahl und Ausgabepreis stehen bislang nicht fest.
Das Verfahren selbst ist bei großen Tech-IPOs Standardpraxis: Es erlaubt den Unternehmen, den Prospekt zunächst vertraulich mit der Aufsichtsbehörde abzustimmen, bevor Finanzzahlen und Risikofaktoren öffentlich einsehbar werden. Weder Ticker-Symbol noch Ausgabepreis noch ein verbindliches Datum existieren zum jetzigen Zeitpunkt – wer im Netz ein konkretes Kaufangebot für Anthropic- oder OpenAI-Aktien sieht, sollte skeptisch sein.
Anthropic: Zahlen, die den Ehrgeiz erklären
Der Zeitpunkt der Einreichung war kein Zufall. Nur drei Tage zuvor hatte Anthropic seine bislang größte Finanzierungsrunde abgeschlossen: eine Series H über 65 Milliarden Dollar, angeführt von Altimeter Capital, Dragoneer und Sequoia Capital, bei einer Bewertung von rund 965 Milliarden Dollar.
Bemerkenswert ist auch die Umsatzentwicklung, die diese Bewertung stützen soll. Medienberichten zufolge ist der annualisierte Umsatz von etwa einer Milliarde Dollar im Dezember 2024 auf rund 47 Milliarden Dollar im Mai 2026 gestiegen – und hätte Anthropic damit beim Umsatz an OpenAI vorbeigezogen. Als möglicher IPO-Zeitraum wird in Presseberichten Oktober bis Mitte November 2026 gehandelt, mit einer angestrebten, vollständig verwässerten Zielbewertung zwischen 1,1 und 1,25 Billionen Dollar. Das sind, wie gesagt, Markterwartungen – keine offiziell bestätigten Termine.
OpenAI: Ähnlicher Weg, andere Signale
OpenAI verfolgt denselben formalen Weg über eine vertrauliche S-1-Einreichung, hat sich öffentlich aber zurückhaltender geäußert, was den Zeitpunkt angeht. In der Berichterstattung wird immer wieder angedeutet, dass OpenAI bestimmte strategische oder strukturelle Fragen – etwa im Zusammenhang mit der eigenen Unternehmensstruktur – lieber noch im privaten Rahmen klären möchte, bevor öffentliche Marktanforderungen wie regelmäßige Quartalszahlen und strengere Offenlegungspflichten hinzukommen.
Ob das tatsächlich zu einer Verschiebung auf 2027 führt, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös vorherzusagen. Fest steht nur die chronologische Reihenfolge der Einreichungen – und die spricht bislang für Anthropic als voraussichtlich ersten der beiden Kandidaten an der Börse.
Warum das mehr ist als eine Frage für Börsenspekulanten
Für Unternehmenskunden – also genau die Zielgruppe, die KI-Systeme im geschäftlichen Alltag einsetzt – ist ein Börsengang mehr als ein Kursereignis. Öffentliche Märkte verlangen regelmäßigere Zahlen, klarere Risikohinweise und eine nachvollziehbare Darstellung des Geschäftsmodells. Das kann langfristig für mehr Transparenz sorgen, bringt aber auch neuen Druck mit sich: Quartalsergebnisse und Wachstumserwartungen werden dann Teil der öffentlichen Debatte, mit allem, was das für Preisgestaltung, Produktentscheidungen und Investitionstempo bedeuten kann.
Fazit
Wer als Erstes an der Börse notiert wird – Anthropic oder OpenAI – lässt sich heute nicht seriös vorhersagen. Belegbar ist nur: Anthropic war beim formalen ersten Schritt eine Woche schneller. Ob daraus am Ende auch ein früheres Börsendebüt wird, hängt von Marktbedingungen, SEC-Prüfung und strategischen Entscheidungen ab, die außerhalb der Öffentlichkeit getroffen werden. Schauen wir mal, was der Herbst bringt – dieser Blog wird die Entwicklung weiterverfolgen.
- Details
- Geschrieben von: hostmaster
- Zugriffe: 1