Der Philosoph Rüdiger Safranski, 81 Jahre alt und seit vielen Jahren im Kurort Badenweiler am Rande des Schwarzwalds ansässig, hat sich in seinem neuen Essay "Die Vierte Kränkung" der Künstlichen Intelligenz zugewandt – und liefert damit eine der derzeit meistdiskutierten philosophischen Positionsbestimmungen zum Thema.
in der hochentwickelte KI-Algorithmen,dargestellt als leuchtende, komplizierte neuronale Netze mit subtil pulsierendem Licht, eine einsame, silhouettenhafte menschliche Gestalt subtil überschatten, die die weite, dunkle Ausdehnung einer futuristischen, dystopischen Stadtlandschaft unter einem Himmel voller ferner, kalter, punktförmiger Sterne betrachtet, eingefangen mit einer geringen Schärfentiefe, um die Isolation des Menschen zu betonen.
Die vierte Kränkung nach Freud
Der Titel ist Programm: Safranski knüpft an Sigmund Freuds bekannte These der drei Kränkungen der Menschheit an – die kosmologische (Kopernikus), die biologische (Darwin) und die psychologische (Freud selbst, mit der Entdeckung des Unbewussten). Als vierte, aktuelle Kränkung benennt Safranski die Künstliche Intelligenz: Algorithmen überholen den menschlichen Geist zunehmend in kognitiver Hinsicht und lösen komplexe Denkaufgaben effizienter als wir selbst – ausgerechnet mit Werkzeugen, die der Mensch selbst geschaffen hat.
Toter Rechner gegen lebendigen Geist
Safranskis zentrales Argument ist dabei weniger technisch als philosophisch: So beeindruckend die Leistungen der KI auch seien, bleibe sie letztlich "tote Materie" – ein System, das nicht denkt, sondern nur regelgeleitet prozessiert, wenn auch mit einer Effizienz, die den Menschen in vielen Bereichen weit übertrifft. Dem stellt er den "lebendigen Geist" des Menschen gegenüber: Bewusstsein, Empathie, Freiheit und gelebte Erfahrung – Eigenschaften, die einer Maschine grundsätzlich verwehrt blieben, egal wie leistungsfähig sie wird.
Diese Unterscheidung ist der Kern seines Plädoyers: Nicht die Leistungsfähigkeit der KI sei das eigentliche Problem, sondern die Versuchung, ihr menschliche Eigenschaften zuzuschreiben und sich ihr in falscher Ehrfurcht zu unterwerfen. Safranski wirbt für einen selbstbewussten Humanismus als Gegengewicht zu dem, was er als wachsende "Maschinengläubigkeit" unserer Zeit bezeichnet.
Nicht nur Philosophie, auch Politik
Bemerkenswert ist, dass Safranski nicht bei der reinen Begriffsklärung stehen bleibt. Er weist ausdrücklich auf die Machtkonzentration hin, die mit der KI-Entwicklung einhergeht: Es seien nur wenige, private und profitorientierte Unternehmen, die diese radikal neue Technologie kontrollieren – aus seiner Sicht eine demokratiegefährdende Entwicklung. Er fordert Regulierung und eine stärkere demokratische Kontrolle über wirtschaftliche und technische Prozesse. Ein Standpunkt, der sich mit den Themen digitaler Souveränität, die auch in diesem Blog immer wieder eine Rolle spielen, gut deckt.
Rezeption: Klug, aber ohne fertige Antworten
Die bisherigen Kritiken loben vor allem die Klarheit und Zugänglichkeit des schmalen Essays (112 Seiten). Gewürdigt wird die Verve, mit der Safranski die Einzigartigkeit des schöpferischen menschlichen Geistes verteidigt, sowie die verständliche Bündelung der humanistischen Gegenargumente zur gegenwärtigen KI-Euphorie. Zugleich wird angemerkt, dass Safranski zwar überzeugend diagnostiziert, aber wenig konkrete Antworten liefert, wie sich der von ihm geforderte "gute alte Humanismus" in der Praxis gegen die Wucht der technologischen Entwicklung behaupten soll. Wer eine hoffnungsvollere, stärker lösungsorientierte Gegenposition sucht, wird auf Markus Gabriels Beitrag zum selben Thema verwiesen.
Eine philosophische Darstellung von Rüdiger Safranskis Konzept der Vierten Beleidigung, die die technologische Kränkung der künstlichen Intelligenz, die den menschlichen Intellekt übertrifft, visualisiert, wobei abstrakte algorithmische Muster subtil ein Porträt einer nachdenklichen Figur überlagern, das in einem Chiaroscuro-Stil mit kühlen, metallischen Tönen und scharfen, präzisen Linien dargestellt ist.
Ein Fazit aus der Praxis
Als jemand, der beruflich sein Leben lang mit Daten, Speichertechnologie und IT-Infrastruktur zu tun hatte, lese ich Safranskis Unterscheidung zwischen "totem Rechnen" und "lebendigem Geist" mit einer gewissen Sympathie – sie trifft einen wichtigen Punkt, den man in der täglichen Beschäftigung mit KI-Werkzeugen leicht aus den Augen verliert. Gleichzeitig bleibt die Frage, ob diese Unterscheidung angesichts immer leistungsfähigerer Systeme auf Dauer trägt, oder ob sie eher ein Trost ist, den sich der Mensch selbst spendet. Lesenswert ist der Essay allemal – nicht, weil er fertige Antworten liefert, sondern weil er die richtigen, unbequemen Fragen stellt.