Von der vorsichtigen Hoffnung zur akuten Gefahr
Als ich vor einigen Monaten den Steckbrief für VARTA AG schrieb, klang die Geschichte nach einem vorsichtigen Neuanfang: ein abgeschlossenes Sanierungsverfahren, ein erstes positives EBITDA, Porsche als neuer Ankerinvestor. Diese Einschätzung muss ich heute korrigieren. Seit dem 23. Juli 2026 überschlagen sich die Meldungen – und sie klingen nicht mehr nach Aufbruch, sondern nach der ernsthaften Gefahr einer Zerschlagung.
Was gerade passiert
Die zentralen Geldgeber von VARTA haben ihre Kredite fällig gestellt. Nach übereinstimmenden Medienberichten wollen die Hauptgläubiger das bekannte Geschäft mit Haushaltsbatterien aus dem Konzern herauslösen – mit der Begründung der angespannten Finanzlage des Unternehmens. Für die übrigen zwei Geschäftsbereiche besteht dabei laut Berichten das Risiko einer Insolvenz.
Der Auslöser für das Tempo der aktuellen Entwicklung liegt in der Vertragsmechanik der Sanierung von 2024/2025: Damals hatten sich VARTA und seine Gläubiger auf bestimmte Finanzkennzahlen geeinigt. Der Wegfall von Apple als Großkunde hat eine Finanzierungslücke von mehr als 110 Millionen Euro aufgerissen – allein die Werksschließung in Nördlingen kostet rund 70 Millionen Euro. Diese Schwellenwerte wurden dadurch gleich zweimal gerissen: beim tatsächlichen Jahresergebnis 2025 und in der Finanzierungsprognose bis Ende 2027. Ein Stillhalteabkommen mit den Gläubigern lief Ende Juli aus – seither kann es jederzeit zur Kündigung kommen. Die sogenannte Ad-hoc-Gläubigergruppe um die Deutsche Bank sowie die Finanzinvestoren RBC BlueBay, Blantyre und Whitebox begründete ihren Kurswechsel mit der angespannten Finanzlage; eine unabhängige Analyse der Beratung FTI attestierte VARTA einen operativen Liquiditätsbedarf im mittleren zweistelligen Millionenbereich.
Konkret bedeutet das für den Standort Nördlingen in Bayern: Das dortige Werk mit rund 350 Beschäftigten soll bereits im Herbst schließen. Der Auslöser reicht weiter zurück – Apple war im Mai als wichtigster Kunde abgesprungen. Bis November stellt VARTA dort noch Knopfzellen für kabellose Kopfhörer her, danach sollen diese wohl aus Asien kommen.
Für das Haushaltsbatterien-Geschäft wird derzeit nach Berichten eine neue Eigentümerstruktur gesucht – ein Konsortium um die Deutsche Bank und den Finanzinvestor Blantyre soll an einer Übernahme interessiert sein. Was mit den übrigen Unternehmensteilen geschieht, ist derzeit offen.
Der zweite Rückschlag in kurzer Zeit
Bemerkenswert ist das Tempo: Erst im April vergangenen Jahres hatte VARTA das StaRUG-Sanierungsverfahren für abgeschlossen erklärt – jenes Verfahren, bei dem die damaligen Aktionäre bereits ihr gesamtes Investment verloren hatten. Nun, gut ein Jahr später, folgt offenbar der nächste, noch tiefere Einschnitt. Investor Michael Tojner ordnete den Schritt der Gläubiger gegenüber der Presse als absehbar ein, nachdem mit dem Wegfall des US-Großkunden Apple klar geworden sei, dass VARTA in seiner bisherigen Form nicht weitergeführt werden könne. Er verwies zudem auf strukturelle Nachteile wie hohe Energie- und Lohnkosten im europäischen Vergleich zu asiatischen Standorten.
Ein Sanierungsgutachten, das eigentlich erst bis zum 12. August 2026 vorgelegt werden sollte, scheint von den Entwicklungen bereits überholt worden zu sein – die Gläubiger handelten offenbar schon vor diesem Termin.
Stimmen aus Ellwangen
Wie die Lage innerhalb des Unternehmens wahrgenommen wird, schildert ein VARTA-Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte: Die Belegschaft sei bislang nicht über das hinausgehend informiert worden, was auch in den Medien zu lesen war. Die Führungsebene versuche derzeit sichtbar, Ruhe zu vermitteln, damit vorliegende Aufträge noch geregelt abgearbeitet werden können. Dass es um den Konzern nicht gut stehe, sei den Beschäftigten nach jahrelangem Stellenabbau und wiederholten Sanierungsrunden allerdings schon lange klar gewesen.
Auch aus der Politik gibt es Reaktionen: Der Ellwanger Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter (CDU) zeigte sich besorgt, aber nicht überrascht von der Entwicklung und fordert eine konsequente Aufarbeitung. IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Fabian Fink verlangt von VARTA volle Transparenz gegenüber der Belegschaft.
VARTA beschäftigt nach eigenen Angaben rund 3.260 Menschen, ein großer Teil davon in Ellwangen. Die Region Ostalb, für die VARTA seit Jahrzehnten einer der wichtigsten Arbeitgeber ist, hatte die Krise der Jahre 2022 bis 2024 bereits als tiefen Einschnitt erlebt. Jetzt kommt für viele Beschäftigte erneut eine Phase der Unsicherheit.
Wie es weitergehen könnte – und was noch offen ist
Wichtig für die Einordnung: Eine drohende Zerschlagung des Konzerns bedeutet nicht zwingend das Ende aller VARTA-Geschäfte. Einzelne Sparten und Technologien – etwa die bereits unter Porsche-Beteiligung stehenden Automotive-Zellen – könnten auch unabhängig vom Rest weiterbestehen. Für das bekannte Haushaltsbatterien-Geschäft wird aktiv nach neuen Eigentümern gesucht, was zumindest die Möglichkeit eines Fortbestands unter anderem Dach offenlässt.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt trotz allem: Nach Einschätzung von Branchenkennern hat VARTA weiterhin technologisches Potenzial – das Unternehmen forscht unter anderem an Natrium-Ionen-Batterien, die als vielversprechende Zukunftstechnologie gelten.
Was tatsächlich passiert, ist zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht seriös vorherzusagen – die Berichtslage ändert sich fast täglich, und viele Details sind bislang nicht vollständig öffentlich bekannt.
Fazit
Von "Europas Batterie-Hoffnung" zum wiederholten Krisenfall – VARTAs Weg der vergangenen Jahre liest sich inzwischen wie eine Warnung davor, wie schnell selbst ein über 130 Jahre altes Traditionsunternehmen unter internationalem Konkurrenzdruck und Kundenabhängigkeit ins Wanken geraten kann. Für die Beschäftigten in Ellwangen, Nördlingen und Dischingen bedeutet das vor allem eines: erneut warten und hoffen, während andere über die Zukunft ihres Arbeitsplatzes entscheiden. Ich werde die Entwicklung weiterverfolgen und hier berichten, sobald es Klarheit gibt.